“Urban City” oder vom Elend deutschsprachiger Rollenspiel-Sims

“Deutsches Rollenspiel RP Gewalt Verbrechen Sex Korruption Polizei Gefängnis Gangs Psychos Vergewaltigung Drogen bdsm Biker Bar Mafit Waffen Club Diner Berufe Schlampe Zuhälter german roleplay urbn crime slums forced fantasy bdsm guns hooker” – mal ehrlich: Soll das Werbung oder Abschreckung vor der Rollenspiel-Sim “Urban City” sein, die sich mit diesen Wortschnipseln in der SL-Suchmaschine beschreibt? Selbst notgeile, pubertierende Jünglinge müssten davor ja eigentlich Reissaus nehmen. Ich sehe aber über all das hinweg, und mache mich auf den Weg nach “Urban City”, einer deutschsprachigen Rollenspiel-Sim in Second Life, die allerdings irgendwo in den USA der Jetzt-Zeit angesiedelt ist.

Gleich an der U-Bahn-Station, die Ausgangspunkt für Besucher ist, wird man mit dem ganzen Elend deutschsprachiger Rollenspiel-Sims konfrontiert: Warum schaffen es die Macher nicht, ästhetisch anspruchsvolle Sims auf die Beine zu stellen? Das hat überhaupt nichts mit dem Hintergrund-Plot der Sim zu tun. “Urban City” soll eine heruntergekommene Kleinstadt irgendwo im Nirgendwo sein. Ohne Sehenswürdigkeiten, ein Nicht-Ort, an dem nur zwielichtige Gestalten und Verlierer stranden und von dem man eigentlich so schnell wie möglich wieder weg will. Eine durchaus interessante Szenerie, die gutes Rollenspiel ermöglichen kann. Aber selbst der Einöde und Hässlichkeit wohnen eine gewisse Ästhetik inne. Aber die sucht man auf der Sim vergebens. Man kann zwar durchaus das Klischee hässlicher, verwahrloster, gesetzloser US-amerikanischer Provinzstäde handlungsleitend für ein Rollenspiel machen. Aber selbst das sollte mit einem Mindestmass an Liebe zum Detail und für atmosphärisches Gespür geschehen. Nicht ohne Grund sind Sims amerikanischer Macher und Owner wie “Chicago” und “Shady Falls” eine Augenweide. Augendweide nicht, weil es dort nur Schönes zu sehen gäbe, sondern weil es dort Dinge gibt, auf denen das Auge des Betrachters fasziniert verweilen kann.

Allerdings ist die Sim “Urban City” gut besucht. Es ist einiges los und beim Umherschweifen wird man immer wieder Zeuge von aktivem Rollenspiel und kann sich schnell in Unterhaltungen einbringen. Der Wille, Neulinge in die bestehenden Spielstrukturen zu integrieren, ist den Betreibern und Nutzern hoch anzurechnen.Langes Para Emoten kann man aber nicht erwarten. Meist wenden die Spieler 1:1-Übersetzungen der üblichen Alltagskommunikation an, was sich natürlich auch aus dem gegenwartsbezogenen Setting erklärt. Das Emoten beschränkt sich auf so Sätze wie “Nala schiebt das Brot in den heissen Ofen.” Solche Sätze sind aber immer noch besser als im Grenzbereich zwischen RL und SL angesiedelte Dialoge wie “Ick bin hackedicht hey”, “Ey, Alter, du nemme fahrn sollst heut’”. Warum sollen sich am Rollenspiel Interessierte so etwas antun?

Ansonsten tummeln sich in “Urban City” die üblichen verdächtigen Gestalten – Biker, Prostituierte, Banditen, korrupte Polizisten. Aber auch kleine Perlen lassen sich beim Umherschweifen entdecken. Zum Beispiel ein im Hinterzimmer einer Kirche untergebrachtes Domina-Studio, in dem Lady H. als “die Vertraute” ihre Dienste anbietet.

“Shady Falls” – a lot of aesthetics, little role play?

It’s a fact – the new roleplay sim „Shady Falls” is a feast for the eyes. In the category “Urban Noir Role Play” the makers of “Shady Falls“ have succeeded in building an optical authentic outer district of a city in Virigina in the 1920s. As a visitor you often don’t know where you should look around first – there are so many detailed and visual convincing impressions. At least when you are playing with a mesh compatible viewer, because in “Shady of Falls” all is mesh. At the beginning you can spend hours and hours exploring the different quarters of the imaginary provincial town scenery. The different looks of the quarters are a sign of the different ethnic origins of the inhabitants and their styles of living together, or better of living apart from each other.

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The conflicts in „Shady Falls“, which are the spice of every role play plot, are primarily caused by the different ethnic origins of its inhabitants. The town is dominated by four groups: the chinese, the italian, the jewish, and the irish community. They are fighting each other, though often in very subtle ways, more or less all the time. Nevertheless, the common aspiration off all immigrants is the social rising and to carve out a very big slice of the cake.

th-3The role play in “Shady Falls” draws clear racial lines: You are foremost loyal to only your own ethnic group. This is a construct which one must not necessarily like because of the cliches, but it is absolutely usual standard in role plays – ethnicity as a cause and a catalyst of conflicts. “Is he from the neighborhood?” is one of the most important questions accordingly to the very well designed web page of the operators of “Shady Falls”. The language of the sim is english.th-1

The 1920s are the time of prohibition in the USA. With bootlegging you can make an amount of money. Gangsters, policemen, lawyers, prostitutes, businessmen – all are involved in a mixture of smuggling, drugs, sex and corruption. The lines between good and bad, between decent and corrupt, haven been in resolution for a long time.

If you can live with a very ethnic and racial plot, “Shady Falls” offers excellent conditions for great role play.th-4

But in particular for newcomers it can be difficult to get involved in any kind of role play. The ethnic border drawings make an integration and participation of different players – long-time residents and newcomers, established ones and outsiders – not very easy. Visitors can easily get the feeling to be on the move in a very impressive secenery that isn’t really filled though with active role play: Stay out, private circles. It is easier for people who already know active and well established players of the sim. A little less investments in the aesthetics and a little more dedication for the newcomers on the sim would be desirable.

“Shady Falls” – Viel Ästhetik, wenig Rollenspiel?

Keine Frage – die neue Roleplay Sim “Shady Falls” ist ein Augenschmaus. Unter der Kategorie “Urban Noir Role Play” ist es den Machern von “Shady Falls” gelungen, optisch detailgetreu einen Aussenbezirk im Virigina der 1920er Jahre nachzubauen. Als Besucherin der Sim weiss man oft gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Zumindest, wenn man mit einem Mesh kompatiblen Viewer ausgestattet ist, denn in “Shady Falls” ist so gut wie alles Mesh. Man kann erst mal nur Stunden damit zubringen, die Viertel der imaginären Kleinstadtkulisse, deren unterschiedliche Optik sich aus der unterschiedlichen ethnischen Zusammensetzung der Bewohnerschaft ergibt, zu erkunden.

th-2Die Konflikte, die sich im Rollenspiel in “Shady Falls” entladen sollen, sind in erster Linie ethnisch geprägt. Die Stadt ist dominiert durch vier Gruppen: die chinesische, die italienische, die jüdische und die irische Community. Alle liegen mal mehr oder weniger miteinander im Clinch. Alle eint jedoch ihr Bestreben, sich als Immigranten, die um den sozialen Aufstieg bemüht sind, ein möglichst grosses Stück vom Kuchen zu sichern. Mit dem Rollenspiel in “Shady Falls” lässt man sich auf klare rassische Grenzziehungen ein: Die Loyalität und Solidarität gilt in erster Linie der eigenen ethnischen Gruppe. Das ist ein Spielkonstrukt, das man wegen der Klischeebeladenheit nicht unbedingt mögen muss, das aber in Rollenspielen durchaus üblich ist – Ethnizität als Ursache und Katalysator von Konflikten. “Is he from the neighborhood?” ist laut Angaben auf der gut gestalteten Webseite der Betreiber eine der meist gestellten und wichtigsten Fragen in “Shady Falls”. Simsprache ist englisch.
th-4Die 1920er Jahre sind in den USA die Zeit der Prohibition. Mit Alkoholschmuggel ist eine Menge Geld zu machen. Gangster, Polizisten, Anwälte, Prostituierte, Kaufleute – alle sind in einer Gemengelage aus Schmuggel, Drogen, Sex und Korruption miteinander verstrickt. Die Grenzen zwischen rechtschaffen und korrupt sind längst in Auflösung begriffen.
th-1Wenn man mit dem stark ethnisch und rassisch unterlegten Plot leben kann, bietet die Rollenspielkonstellation von “Shady Falls” hervorragende Voraussetzungen für abwechslungsreiches Rollenspiel. th-3Allerdings ist es insbesondere als Neuling schwer, in einen Handlungsstrang des Rollenspiels involviert zu werden. Die ethnischen Grenzziehungen machen eine Integration unterschiedlicher Spieler – Alteingesessene und Neuankömmlinge, Etablierte und Aussenseiter – nicht einfacher. Gerade Besucher erhalten schnell den Eindruck, in einer schönen, aber nicht wirklich mit Rollenspielleben erfüllten Kulisse unterwegs zu sein – geschlossene Gesellschaft(en). Am leichtesten haben es noch die, die Spieler kennen, die bereits seit längerem in “Shady Falls” aktiv sind. Ein bisschen weniger Investition in die Ästhetik und dafür mehr Engagement bei der Integration von Neuankömmlingen wäre wünschenswert.

Roaring 20s in Second Life – Zeitreise in das Berlin der zwanziger Jahre/Time Travelling to 1920s Berlin

Ich trage eine tolles Kleid im Stil der zwanziger Jahre, mein Haar ist zu einem feschen dunklen Bubikopf frisiert. Ich spaziere Unter den Linden, bewundere das Hotel Adlon in seiner ganzen früheren Pracht, erkunde neugierig geheimnisvolle enge und schmutzige Gassen und besuche ein Kino, in dem fast ausschliesslich Stummfilme gezeigt werden. Am Abend tanze ich mit anderen Gästen in Smokings und flatternden Kleidern ausgelassen Charleston und Tango in einem verrauchten Club. Ich habe in SL eine Zeitreise ins Berlin der 1920er Jahre gemacht.

The 1920s Berlin Project ist eine Sim in Second Life, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, ein historisch authentisches Bild vom Berlin des Jahres 1929 zu zeichnen. Die Kulisse ist mit viel Liebe zum Detail und historischem Sachverstand gestaltet und vermittelt den Besuchern die lebendige Atmosphäre der Weimarer Republik, deren unangefochtenes Zentrum Berlin war. Kreiert und gemanagt wird die Sim von Jo Yardley, die ihre enormen historischen Kenntnisse aus dem realen Leben in diese Second Life Sim einbringt. Die Sim folgt den Prinzipien des Living History. Nicht nur von Mitgliedern, sondern auch von Besuchern wird deshalb das Einhalten des Dresscodes verlangt. Das ist nicht wirklich ein Opfer, da gerade die wunderbaren Kleider, Anzüge, Frisuren, Einrichtungsgegenstände und Automobile dieser Zeit einen grossen Reiz ausmachen.

In diesem Berlin der zwanziger Jahre lernt man aber nicht nur das ausgelassene Nachtleben, das Amüsement der Bourgeoisie und die Leichtigkeit des Seins kennen. Bettelnde Kriegsveteranen aus dem Ersten Weltkrieg, obdachlose Waisen und heruntergekommene Mietskasernen erinnern daran, dass das Berlin dieser Zeit von grossen sozialen Gegensätzen, ökonomischen und politischen Unruhen geprägt war.

Mit den Bewohnern der Sim kommt man auch als Neuling in Berlin schnell in anregende Gespräche. Ein guter Treffpunkt ist ein Café Unter den Linden, in dem die Leute bei Kaffee, Wein und Zigaretten die neuesten Ereignisse und den besten Klatsch miteinander austauschen. Auch Fremde werden schnell ins Gespräch mit einbezogen oder zu einem Besuch im Volksbad eingeladen.

Wer allerdings versucht, in seinem neuen Kostüm oder Anzug eine grosse Geschichte seines Charakters einzuführen, weil er sich auf einer Rollenspiel-Sim wähnt, wird eher enttäuscht werden. An In-Character-Narrationen sind die Berliner nicht wirklich interessiert. Die Kommunikation folgt nicht wirklich strengen Rollenspiel-Regeln. Alles ist eher freies Geplauder, bei dem auch Computerprobleme und andere RL-Begebenheiten schnell mit einfliessen. Personen, die sich streng an eine Rolle halten und deren Geschichte erzählen und vorantreiben wollen, lösen in Berlin eher Irritation aus und man wird dafür keine Mitspieler gewinnen. Wer aber in einem schönen historischen Ambiente diverse Vergnügen in Tanzlokalen, Strassencafés und Nachtclubs mit netten Menschen erleben und dabei etwas über das Berlin der zwanziger Jahre erfahren möchte, sollte die Sim auf jeden Fall besuchen.

In English

I am wearing a great dress in the style of the Twenties. My hair is styled smart. I am walking Unter den Linden, admiring the hotel Adlon in its whole former splendour. I am curiously exploring mysterious narrow, and dirty streets and visiting a cinema, which only shows silent films. In the evenings I am dancing Charleston and Tango with people wearing formal dinner jackets and fluttering dresses. I have gone on a SL time trip to Berlin in the 1920s.

The 1920s Berlin Project is a sim in Second Life which wants to build a historically authentic picture of the Berlin of the year 1929. The scenery is formed with a lot of love for details and an historical expertise that provides a lively atmosphere of the era of the Weimar Republic whose undisputed centre Berlin was. The sim is created and managed by Jo Yardley, who contributes her huge historical knowledge of this era to Second Life. The sim follows the principles of living history. Therefore, the following of the dresscode is required not only from members, but also from visitors. But all do follow this obligations very eagerly because the fantastic clothes, hairstyles, decorations, and cars of this time are charming.

But in the Berlin of the 1920s you are not only introduced to the playful nightlife, the amusement of the bourgeoisie and the ease of being. You can also meet begging veterans of the First World War, homeless orphans and rundown houses remind you of the fact that Berlin was full of big social contrasts, economic and political riots in this time.

With the residents of the sim you easily can begin interesting conversations, they are welcoming all newcomers to Berlin. A good meeting place is a café Unter den Linden where people talk about the newest incidents and do some nice gossiping while drinking coffee and wine and smoking cigarettes. Strangers can participate easily in the conversation or they are invited to a visit of the Volksbad.

People who expect to be able to tell here an interesting story of their role play character will be disappointed though. Despite the fact, that Berlin is called a role play sim, in character interactions are not really happening. The communication does not really follow strict role play rules. The chatting is more out of charcter and computer problems and other RL occurrences can become part of it. People who strictly keep to a role and want to tell a story about their characters probably will cause irritation in Berlin. But people who would like to experience nice chatting while hanging out in dance bars, street cafés and night clubs with nice people in a nice historical ambience and while doing so are also interested in learning some facts about Berlin in its twenties should visit the sim.

Elfen – Faszination Fantasy in Second Life

Elfen üben seit jeher eine ganz eigene Faszination auf uns Menschen aus. In der Mythologie werden sie gleichsam als Lichtgestalten mit engelsgleichen Eigenschaften beschrieben.

Mit der Verfilmung der Herr-der-Ringe-Trilogie durch den Regisseur Peter Jackson erlebte die mediale Inszenierung der Elfen einen Höhepunkt. Nicht nur dort werden sie als Gestalten von grosser Schönheit, Weisheit, aber auch Leichtigkeit und Heiterkeit dargestellt. Laut Mythologie gibt es allerdings verschiedene Arten von Elfen. So wie es verschiedene Arten von Menschen, Zwergen, Feen und Riesen gibt.

In Second Life gibt es zahlreiche Sims, auf denen man und frau dem Elfe sein frönen kann. Sie zählen mit zu den beliebtesten Sims, weil sie häufig sehr originell und detailreich gestaltet sind. Meistens findet man sie, wenn man nach Stichworten wie Fantasy sucht. Ausserdem lassen sich Elfen-Avatare besonders fantasie- und variantenreich gestalten.

Elfen können aber durchaus auch ihre dunklen Seiten haben. Das zeigen in Second Life die vielen Sims, in denen Elfen nicht ausschliesslich als Kämpfer und Kämpferinnen für die gerechte Sache unterwegs sind, sondern sich oftmals auch enthusiastisch dem Dark Urban Role Play widmen.

Das viktorianische Zeitalter – echte Schreckensgestalten und falsche Sittsamkeit

Frauen in eng geschnürten Miedern, Männer mit hohen Zylindern und ein von steifen Konventionen, schnellem technischen Fortschritt und großen sozialen Unterschieden geprägtes Alltagsleben. Aktuelle Filme wie Guy Richties Sherlock Holmes, Martin Scorseses Hugo und in Teilen auch David Cronenbergs Die dunkle Begierde lassen das viktorianische Zeitalter wieder lebendig werden. Als viktorianische Ära wird der Zeitabschnitt der Herrschaft der englischen Königin Viktoria bezeichnet, die von 1837 bis 1901 dauerte.

Insbesondere im nationalen Bewusstsein der Engländer ist diese Epoche als ein goldenes Zeitalter verankert, dessen Niedergang im 20. Jahrhundert einsetzte. Die Wirtschaft florierte und England errang einen technischen Fortschritt, den es lange beibehielt. Vom Wohlstand profitierte aber nur rund ein Drittel der Gesellschaft. Soziale Verelendung, Hunger und Kinderarbeit war die Realität der Mehrheit der Gesellschaft.

Gerade diese großen Gegensätze, die auch in der Literatur des 19. Jahrhunderts in den Romanen von Charles Dickens, Sir Arthur Conan Doyle, Oscar Wilde, der Brontë-Schwestern oder Elizabeth Gaskell ihren Widerhall fanden, machen diese Zeit so faszinierend. Mit Theatern, Literatur, Kunst, Musik und Oper entwickelte sich eine große Unterhaltungsindustrie. Gerade für die besseren Kreise gab es zahlreiche Möglichkeiten, sich zu vergnügen. In London beispielsweise amüsierten sich nachts rund um den Picadilly Circus die jungen Männer: Man frönte dem illegalen Glücksspiel in den Casinos, besuchte leicht anrüchige Tanz- und Musikveranstaltungen oder auch die zahlreichen Bordelle. Beliebt war auch alles Geisterhafte. Seancen, bei denen ein Medium Kontakt zu Geistern suchte, war ein häufiges Freizeitvergnügen.

Schreckensgestalten wie der erste bekannte Serienmörder Jack the Ripper, die Kunstfigur Frankenstein oder der Vampirgraf Dracula verursachten den Menschen ein wohliges Schauergefühl. Neben Liebesromanen gehörten Horrorgeschichten, so genannte gothic novels, zu den ersten literarischen Bestsellern. Das Lesen setzte sich zunehmend als Freizeitbeschäftigung in sämtlichen Schichten durch. Gepaart mit dem immer noch stark ausgeprägten Geister- und Aberglauben weiter Teile der Unterschicht fanden Horrorgeschichten ein immer größeres Publikum. Denn in diesen fiktiven Schreckensszenarien konnten die Leser ihren Ängsten freien Lauf lassen und sie kanalisieren. Es verwundert deshalb kaum, dass reale Mordserien, wie die von Jack die Ripper 1888, nicht nur in England auf großes öffentliches Interesse stieß. Der wohlige Schauer beim Publikum wurde dadurch erhöht, dass der Täter nie gefasst wurde und damit Spekulationen Tür und Tor geöffnet blieben.

In Second Life hat man in dem großartigen Dark Urban Role Play Isle of Legacies Gefallen daran gefunden, mit diesen Spekulationen um Jack the Ripper immer wieder neue spannende Rollenspiel-Geschichten zu entwickeln. Legacies spielt im London des 19. Jahrhunderts, genauer 1891, also kurz nach der tatsächlichen Mordserie Jack the Rippers um 1888. Und dieses London sieht genau so aus, wie man es sich für schaurige Horrorgeschichten wünscht: Nass, neblig, dunkel und sehr geheimnisvoll.
Die Betreiber von Isle of Legacies selbst schreiben auf ihrer Webseite: “An era where the accurate and true time period was a constant ambiance and feel of the unknown. The dark wet chilling nature of old London saturates this universe. Time period of poverty, illness, crude medicine, steam machines and scratching for just about everything is relived and exists here in Legacies (…). Legacies is a place where players can open their minds, expand their creativity, build great characters and write kick ass stories… We’re a bunch of RP’rs who believe that a game can truly be a Full Immersion Experience. We insure this by providing the Player with a high quality, aesthetically captivating, reality suspending, thematically consistent, Full Immersion Role Play experience. Add to that a plug and play system that takes the technical work out of game play while freeing your character to learn and grow n the most organic fashion possible. Finished off by an interesting and mysterious back story in which the player can insert their own creativity through TRUE open-ended player based storytelling.”
Auch mein Avatar Agleia und der meiner Freundin Greta sind der Faszination der Geschichten in Isle of Legacies erlegen und mittlerweile regelmäßige Besucher in diesem London Jack the Rippers.


Die Zukunft ist bereits vergangen – Steampunk in Second Life

Was ist eigentlich Steampunk? Und welche Rolle spielt dieses Phänomen in Second Life? Diesen Retrofuturismus und seinen Erfindergeist des 19. Jahrunderts feiert der US-amerikanische Regisseur Martin Scorsese in seinem ersten 3-D-FilmHugo”. Was, wenn es bereits zu Zeiten Queen Victorias Computer und Handy gegeben hätte? Was, wenn es keine Elektrizität gäbe, sondern die Welt weiterhin von Dampfmaschinen bestimmt würde? Was, wenn anstelle von Jumbojets riesige Zeppeline die Luftfahrt prägten? Solche “Was-wäre-wenn-Fragen” zu stellen und mögliche alternative Zeitentwicklungen zu illustrieren, das ist Steampunk.

Steampunk bedient sich insbesondere den Kulissen des viktorianischen Zeitalters und dessen literarischer Stoffe wie die Sherlock-Holmes-Geschichten oder die Romane von Jules Verne und H. G. WellsSteampunk begann als Kunstgenre in den 1980er Jahren. Lange Zeit war der Stilmix von Sciencefiction, Fantasy und viktorianischem Wiedergängerhorror eine Strömung innerhalb von Subkulturen. Seit ein paar Jahren weitet sich das Genre aber zu einem Lebensgefühl mit ganz eigener Ästhetik aus. Das 19. Jahrhundert ist für die Steampunks eine vergangene Sehnsuchtswelt, ein Trödelladen, aus dem sie sich bedienen, um in Do-it-yourself-Manier Alltagsgegenstände der Massenkultur wieder in Unikate zu verwandeln: Mit Materialien wie Messing, Mahagoni und Leder verwandeln sie das Aussehen von Hightechgeräte wie Laptops und iPhones, so dass man sich diese gut in der Wohnung eines Sherlock Holmes vorstellen könnte.

In diese viktorianische Welt, die als literarische Figur auch Jack the Ripper hervor gebracht hat, kann man in Second Life zur Zeit bei dem Rollenspiel Isle of Legacies eintauchen. Freier wird das viktorianische Zeitalter auf der Sim Crossroads, die sich als Szenerie das Jahr 1871 in einer kleine Stadt Europas (Rumänien) ausgesucht hat, interpretiert: Dort herrscht zwar auch der viktorianische Kleidercode vor, allerdings verbergen sich hinter den Gestalten nicht nur Menschen, sondern auch Vampire, Feen, Elfen, (gefallene) Engel und Dämonen.

In Second Life sind verschiedene Varianten des Steampunk anzutreffen, die unterschiedliche Elemente einbringen, weglassen oder neu variieren. Zahlreiche Treffer landet man beispielsweise auf dem SL-Marketplace. Schuhe, Kleidung und Einrichtungsgegenstände, die unter diesem Stichwort auftauchen, mischen häufig Elemente des viktorianischen Zeitalters mit Gothic-, Punk- und Vampir-Elementen. Der Begriff Steampunk selbst zeugt ebenfalls von einer solchen Mischung der Elemente: Der erste Wortteil bezieht sich auf die Dampfmaschine (englisch: steam engine), der zweite Wortteil punk kann als Anspielung auf Cyperpunk verstanden werden.

Die Rollenspiele in Second Life, die mit Steampunk in Verbindung gebracht werden können, verbreiten häufig apokalyptische Endzeitstimmung. Nach Menschheitskatastrophen (Atomunfälle, 3. Weltkrieg etc.) herrscht Anarchie und Kampf zwischen Menschen, Mutanten (Cyberborgs), Vampiren, Dämonen etc. Nur zwei Regeln haben wirklich Gültigkeit: Überleben ist alles und der Stärkere setzt sich durch. Toxian City und The City of Lost Angels sind gegenwärtig sicher mit die besten Schauplätze dieser Dark (Urban) Role Plays. Ein Besuch der Sims lohnt sich auf jeden Fall, da sie sehr gut designt sind und eine auch wirklich aktive Rollenspieler-Community besitzen. Allerdings sind alle erwähnten Rollenspiele englischsprachig. Nicht nur Steampunk allgemein, sondern auch die Dark (Urban) Role Plays scheinen im deutschsprachigen Raum noch nicht eine ganz so grosse Fangemeinde zu haben wie andernorts.

Welches sind eurer Meinung nach Gründe für die Faszination am retrofuturistischen Steampunk? Gebt eure Kommentare ab.


Spiel im Spiel – Rollenspiele in Second Life

Für viele ist Second Life an sich ein großes Rollenspiel: Avatare, die vor dem Hintergrund bunter 3D-Landschaften in unterschiedlichster Weise miteinander interagieren. Ein Teil der Second Life Residents ist deshalb an Rollenspielen in der Manier von World of Warcraft gar nicht oder nur wenig interessiert. Ein anderer Teil der User dagegen hält sich in Second Life ausschliesslich oder vornehmlich auf Sims mit Rollenspielen auf.

Gibt man in seine SL-Suchleiste das Stichwort Rollenspiel beispielsweise in Kombination mit Vampire ein, erhält man zahlreiche Treffer. Vampir-Rollenspiele zählen zu den beliebtesten in Second Life. Nicht zufällig öffnet die SL-Marketplace-Seite gegenwärtig mit einem Fenster namens Become a Vampire. Auch meine SL-erfahrene Freundin Greta ist der Faszination des Dunklen erlegen und eine begeisterte Vampir-Queen, die gerne im Gothic-Style auftritt. Allerdings war sie immer auch schon ein grosser Fan der Herr der Ringe-Trilogie und spielt auf einer Fantasy-Sim eine kämpferische Elfe (s. Foto rechts). Und seit neuestem ist sie Teil eines spannenden Rollenspiels, das zur Zeit Jack the Rippers im viktorianischen London angesiedelt ist. “Na klar, auch wegen der tollen Kostüme”, bestätigt mir Greta lachend und zeigt sich in einem ihrer tollen Outifts (s. Foto links).

Die Möglichkeiten des Rollenspiels in Second Life sind nicht unbegrenzt, aber zahlreich. Je nach (historischer) Zeit und Handlungssträngen der Rollenspiele, haben sich verschiedene Communities in Second Life gebildet. Auf der offiziellen Second Life-Homepage sind Communities wie Goth, Gor, Fantasy, Vampire, Furry oder Steampunk abrufbar (was sich dahinter jeweils genau verbirgt, dazu an anderer Stelle mehr). Immer wieder beliebt sind auch Rollenspiele, die auf bestimmte Buchvorlagen zurückgreifen. Wizard’s Alley ist beispielsweise inspiriert von der Harry Potter-Reihe, Tombstone erinnert an den Outlaw Wyatt Earp und die zahlreichen Gor-Communities basieren mal mehr mal weniger stark auf dem Gor-Zyklus des US-amerikanischen Schriftstellers John Norman.

Mein Avi Agleia konnte sich dieser Faszination natürlich auch nicht lange entziehen und hat sich wie ihr Role Model Greta gerne mal ein Elfenkostüm übergestreift (s. Foto rechts). Worum es sich bei  Steampunk handelt, weiss sie zwar immer noch nicht so genau, die Sims unter diesem Thema faszinieren sie aber, weil sie meisten besonders gut designt sind. Und natürlich versucht sie sich äusserlich der Kulisse anzupassen (s. Foto links unten).

Von welchen Settings, Zeiträume und Handlungssträngen die einzelnen Rollenspiele tatsächlich bestimmt werden, findet man meist erst bei einem Besuch der jeweiligen Sim heraus. Die meisten Rollenspiel-Communities bieten so genannte Oberserver Tags an, mit denen man als unbeteiligter Beobachter durch die mehr oder weniger gelungenen Kulissen streifen kann. Wenn man Glück hat, wird man bei einem einem solchen Besuch tatsächlich Zeuge eines spannenden Plots der aktiven Mitglieder. Oft genug hat man aber Pech und landet in gähnend leeren Landschaften, wo nur ganz vereinzelt grüne Punkte auf dem Radar aufleuchten. Das Rollenspiel scheint auch anstrengend zu sein. Viele Betreiber von Rollenspiel-Sims weisen in ihren Regelwerken ausführlich darauf hin, dass Mitglieder In Character (IC) zu bleiben haben. Gespräche, die beispielsweise in Wortwahl und Stil nicht der nachempfundenen Zeit entsprechen (oft angemahnt: ‘Don’t LOL’), haben in extra Chat-Gruppen namens OOC (also Out Of Character) stattzufinden.

Nichtsdestotrotz hat man als Besucher oft den Eindruck, dass wie auf anderen Sims auch, die sozialen Treffpunkte wie Bars, Clubs und Cafés in erster Linie zum üblichen Small-Talk genutzt werden. Da unterhält sich die eng geschnürte viktorianische Lady mit dem Zylinder tragenden Gentleman über das kaputte Mountainbike ihres Sohnes und die Schwierigkeiten bei der Installation eines neuen Computerprogramms. Und das ist vielleicht auch nur verständlich: In Character zu sein ist zwar überaus spannend, aber auch sehr anstrengend.