Frauen in eng geschnürten Miedern, Männer mit hohen Zylindern und ein von steifen Konventionen, schnellem technischen Fortschritt und großen sozialen Unterschieden geprägtes Alltagsleben. Aktuelle Filme wie Guy Richties Sherlock Holmes, Martin Scorseses Hugo und in Teilen auch David Cronenbergs Die dunkle Begierde lassen das viktorianische Zeitalter wieder lebendig werden. Als viktorianische Ära wird der Zeitabschnitt der Herrschaft der englischen Königin Viktoria bezeichnet, die von 1837 bis 1901 dauerte.
Insbesondere im nationalen Bewusstsein der Engländer ist diese Epoche als ein goldenes Zeitalter verankert, dessen Niedergang im 20. Jahrhundert einsetzte. Die Wirtschaft florierte und England errang einen technischen Fortschritt, den es lange beibehielt. Vom Wohlstand profitierte aber nur rund ein Drittel der Gesellschaft. Soziale Verelendung, Hunger und Kinderarbeit war die Realität der Mehrheit der Gesellschaft.
Gerade diese großen Gegensätze, die auch in der Literatur des 19. Jahrhunderts in den Romanen von Charles Dickens, Sir Arthur Conan Doyle, Oscar Wilde, der Brontë-Schwestern oder Elizabeth Gaskell ihren Widerhall fanden, machen diese Zeit so faszinierend. Mit Theatern, Literatur, Kunst, Musik und Oper entwickelte sich eine große Unterhaltungsindustrie. Gerade für die besseren Kreise gab es zahlreiche Möglichkeiten, sich zu vergnügen. In London beispielsweise amüsierten sich nachts rund um den Picadilly Circus die jungen Männer: Man frönte dem illegalen Glücksspiel in den Casinos, besuchte leicht anrüchige Tanz- und Musikveranstaltungen oder auch die zahlreichen Bordelle. Beliebt war auch alles Geisterhafte. Seancen, bei denen ein Medium Kontakt zu Geistern suchte, war ein häufiges Freizeitvergnügen.
Schreckensgestalten wie der erste bekannte Serienmörder Jack the Ripper, die Kunstfigur Frankenstein oder der Vampirgraf Dracula verursachten den Menschen ein wohliges Schauergefühl. Neben Liebesromanen gehörten Horrorgeschichten, so genannte gothic novels, zu den ersten literarischen Bestsellern. Das Lesen setzte sich zunehmend als Freizeitbeschäftigung in sämtlichen Schichten durch. Gepaart mit dem immer noch stark ausgeprägten Geister- und Aberglauben weiter Teile der Unterschicht fanden Horrorgeschichten ein immer größeres Publikum. Denn in diesen fiktiven Schreckensszenarien konnten die Leser ihren Ängsten freien Lauf lassen und sie kanalisieren. Es verwundert deshalb kaum, dass reale Mordserien, wie die von Jack die Ripper 1888, nicht nur in England auf großes öffentliches Interesse stieß. Der wohlige Schauer beim Publikum wurde dadurch erhöht, dass der Täter nie gefasst wurde und damit Spekulationen Tür und Tor geöffnet blieben.


